Dr. Matthias Schollmeyer

Dr. Matthias Schollmeyer

Die christliche Kirche erzählt nicht nur von Jesus, sondern auch gern von Johannes. Der Täufer aus der Wüste, der Erfinder eines besonders zarten Evangeliums, der Priesterkönig und Presbyter Johannes – und der Papst Karol Józef Wojtyła. Vier große Johannesse. Heute ist Johannestag, der längste Tag im Jahr. Die Sonne scheint hinter dem Nordhorizont lange hervor. Zeit, sich mit den ewigen Dingen zu beschäftigen. Man tauche ein in die wunderbare Welt der Geschichten und Bräuche, der astronomischen Gesetze und geistlichen Lieder. Philipp Melanchthon, dem wir nicht nur in der Kirche so viel verdanken, hat über Johannes ein Lied geschrieben, das auf Seite 141 des Evangelischen Gesangbuchs zu finden ist.

Darin wird Johannes der Täufer als einer besungen, der mit starken Worten erklärt – und mit unmissverständlichen Gesten erfahrbar macht. Er taucht die Leute tief ins Wasser und hilft ihnen dabei, nicht zu ertrinken, sondern neu aufzutauchen. Denen, die nach einem kraftvollen Ritual suchen, sich aus der Arena eigener Ängste in die offene Landschaft des Zutrauens versetzen zu lassen, sei die Taufe empfohlen. In Wittenberg, wo gegenwärtig viele zu Gast sind, um über sogenannte Glaubensdinge miteinander ins Gespräch zu kommen, gibt es „Am Stadtgraben“ den „Erlebnisraum Taufe“.

Die Hannoversche Kirche betreibt für die Zeit der Weltausstellung dieses kleine sinnige Raumschiff, in dem Sie unter Anleitung freundlicher Frauen und Männer in die andere Welt fahren – und wieder zurückkommen können. Einfach mal hingehen. Johannes der Täufer hätte seine Freude am Projekt der Hannoveraner gehabt. Er würde sagen, – „Genauso habe ich es auch gemacht. Am Jordan vor 1 990 Jahren.“ Beim Abschied aus dem „Erlebnisraum Taufe“ gibt’s als kleines Geschenk ein Stück Kreidefelsen. Da hat man das Rauschen der Zeit und der Gewalten des Kosmos deutlich im Ohr. Und schreibt ähnlich wie Luther mit der Kreide auf den Tisch „Baptizatus fuero!“ Möge ich getauft worden sein …

Pfarrer Dr. Matthias Schollmeyer, Zahna (Erstveröffentlichung: Mitteldeutsche Zeitung, 24./25.6.2017)

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