OBERNKIRCHEN. In normalen Zeiten wäre die Obernkirchener Stiftskirche während des gestrigen Sonntagsgottesdienstes wohl mit Besuchern voll gewesen. Immerhin predigte dort eine prominente Theologin und Buchautorin – und zwar Margot Käßmann, die von 1999 bis 2010 Landesbischöfin der Hannoverschen Landeskirche und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (2009-2010) gewesen ist. Außerdem fand die Kirchenfeier im Rahmen des Projektes ErlebnisRaum Taufe (wir berichteten) statt. Und zu guter Letzt war ein Aufnahmeteam des Radiosenders Deutschlandfunk vor Ort, da der Gottesdienst live im Radio übertragen wurde. Alles in allem also ein besonderer Termin.
Doch wegen der Corona-Situation und der deswegen zu beachtenden Auflagen durften der Veranstaltung letztlich nur rund 70 Personen beiwohnen, die sich zuvor rechtzeitig angemeldet hatten. Bei mehr Teilnehmern hätten nämlich die strengen Abstandsregeln nicht mehr eingehalten werden können.
Vor diesem Hintergrund passte es allerdings gut, dass am Vortag eine Generalprobe des Radio-Gottesdienstes anstand, der ebenfalls circa 70 Kirchenbesucher beiwohnen durften. Auch diese war damit unter den Corona-Bedingungen ausgebucht.
Als Thema ihrer Predigt hatte Käßmann erwartungsgemäß die christliche Taufe gewählt. „Für unsere Glaubenstradition ist die Taufe der Eintritt in die Gemeinschaft“, erinnerte sie. Dabei gefalle ihr besonders der ökumenische Charakter der Taufe: „Ganz gleich welcher Konfession wir angehören, fast alle, Orthodoxe, Reformierte, römische Katholiken, Lutheraner, Methodisten, erkennen diese eine Taufe gegenseitig an. Wir werden mit der Taufe Teil der großen Familie der Kinder Gottes auf der ganzen Welt.“
Käßmanns Worten nach kann die Taufe in schweren Zeiten „zur Kraftquelle werden, wenn wir uns auf sie besinnen“ – auch in Corona-Zeiten. Dabei hob sie die Bedeutung der Kindstaufe hervor: „Ich finde das sehr schön. Denn so wird deutlich: Gott sagt Ja zu uns bevor wir irgendetwas verstehen oder tun können.“
Und auch darauf, dass sich Flüchtlinge in Deutschland taufen lassen, ging die promovierte Theologin ein. So frage das Bundesamt für Migration und Flucht oft intensiv nach, ob die Taufe zum Asylgrund werden solle. Käßmanns Meinung dazu: „Ich denke, das kann der Staat nicht hinterfragen.“ Denn diese Menschen, die sich zur Taufe entschließen, seien oft einen weiten Weg gegangen. In diesem Kontext nannte sie die in solchen Fällen von den angehenden Konvertiten zu absolvierenden Glaubenskurse. Und manchmal entzweie die Taufe auch Familien. Außerdem: Kein Pfarrer taufe leichtfertig.

Musikalisch gestaltet wurden der Gottesdienst und die vorausgegangene Generalprobe von Regina Ackmann (Orgel), Irene und Silvan Buzalkovsky (Harfen), Ulrike Köhler (Oboe) und Beate Josten (Gesang).

Die Leitung der Veranstaltung hatte die Pastorin Dr. Heike Köhler inne, die auch das Projekt ErlebnisRaum Taufe leitet. Eine Ausstellung, mit der sich die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover im Jahr 2017 an der „Weltausstellung Reformation“ in Wittenberg beteiligt hatte. Derzeit wird das Projekt in Obernkirchen präsentiert.

Dazu kommentierte Käßmann im Gespräch mit dieser Zeitung, dass der ErlebnisRaum Taufe durchaus auch für Menschen interessant sein könne, die nicht der Kirche angehören. Bezogen auf die allgemein hohe Zahl an Kirchenaustritten (wir berichteten) meinte die Theologin, es sei traurig, wenn Menschen die Gemeinschaft Gottes verlassen. Ursache für diese Entwicklung sind ihrer Einschätzung nach jedoch nicht die traditionellen Gottesdienst-Formate. Vielmehr hingen die Kirchenaustritte stark mit der individualisierten Gesellschaft und mit ökonomischen Überlegungen der Menschen (wie kann man Geld einsparen) zusammen. Um dem entgegenzusteuern empfahl Käßmann, die Gottesdienste lebendig zu gestalten, damit die Menschen gerne kommen.

Die Notwendigkeit der Generalprobe erklärte Marco Voigt, Pastor der „evangelischen Kirche im NDR“, so: Die an dem Gottesdienst Mitwirkenden seien ja nicht allesamt Profis, die es gewohnt seien, dass man sie live im Radio hören könne. Daher müsse der gesamte Ablauf zumindest einmal komplett geprobt werden.

Von Hardy Lorscheidt, Aufnahmeleiter beim Radiosender Deutschlandfunk, war zu erfahren, dass die sonntäglichen Radio-Gottesdienste im Schnitt 300000 bis 400000 Hörer hätten; seit Corona seien es sogar noch mehr.
Apropos: Wenn Corona nicht wäre, hätte man sicherlich fünfhundert und mehr Kirchenbesucher bei der Generalprobe beziehungsweise dem Gottesdienst, sagte Köhler. Da aufgrund der Auflagen nur begrenzt Plätze zu vergeben waren, wurde ihrer Schilderung nach im Vorfeld der beiden Veranstaltungen bewusst keine Werbung dafür gemacht. Trotzdem habe man vielen Interessenten eine Absage erteilen müssen.

Quelle: Autor Michael Werk Reporter, SZ vom 29.06.2020

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